Interviews - Webmaster im Gespräch!

Interviews - Sebastian Fiebiger - Verantwortlicher von Softclick.net
"Das Bezahl-Web hat wenig Chancen - es wird höchstens wenige Nischenangebote geben!", es war Juni 2003 als Sebastian Fiebiger von Softclick.net eine Hypothese aufstellte, die sich heute als falsche Prophezeihung enttarnt hat. Das Internetunternehmen betreibt diverse Projekte rund um das Internet. Der bekannteste Dienst "Das Magazin" für Betreiber einer eigenen Homepage überzeugt durch schlichtes Design, kompetente Infos und praxisnahe Berichte.

Sebastian Fiebieger - das Interview
Herr Fiebiger, ich möchte mich bei Ihnen zunächst für die Bereitschaft zu diesem Interview bedanken. Sie betreiben gemeinsam mit Tobias Stöber unzählige Projekte im Internet (dazu später mehr). Könnten Sie und Ihren bisherigen Werdegang im Netz vorstellen.

1994 habe ich zum ersten Mal die Finger an den Puls des Internets gelegt. Das war an der Hochschule Harz in Wernigerode. Dort habe ich Wirtschaftsinformatik studiert. Selbst aktiv geworden bin ich dann erst 1997, als ich zusammen mit Tobias eine kleine Programmierergruppe rekrutiert habe. Nach einigen kleinen Projekten und dem Besuch der CeBIT 98, die uns sehr inspiriert hat, haben wir dann unser Unternehmen gegründet und machen seitdem das Netz auf kommerzielle Weise zu unserem Spielplatz. Während in den Jahren 1998-2001 noch die Dienstleistung "Gestaltung von Internetseiten" im Fokus unserer Aktivitäten stand, haben wir uns seit dem Sommer 2001 ganz dem Betrieb von werbe- und eCommerce-finanzierten Webseiten verschrieben. Von den Dienstleistungen ist nur noch die Softwareentwicklung für unsere mittelständischen Kunden geblieben.

Was war der Auslöser für diese Umkehr von der Webdesign-Schmiede zum Projekt-Betreiber?

Diese Entscheidung mußten wir damals aufgrund des schwächelnden Marktes treffen. Es wurde einfach immer teurer Webdesign-Kunden zu akquirieren. Budgets wurden zusammengestrichen, Aufträge storniert und Zahlungen fielen in Folge von Kundeninsolvenzen aus. Kein schönes Szenario für ein junges und kleines Unternehmen. Heute sind wir dankbar für die diese Entwicklung, die uns zum Richtungswechsel zwang. Die unternehmerische Freiheit und die Spielräume für Kreativität sind als Projektbetreiber einfach viel höher. Ich kann morgens (das ist bei uns gegen 12.00 Uhr ;-) aufstehen und eine völlig neue Idee umsetzen - ohne Termindruck, ohne lange Besprechungen und ohne künstliche Budgetgrenzen.

Vielleicht können Sie uns ein Beispiel nennen - wie sehen diese ‚völlig neuen' Ideen aus?

Unser nächstes Projekt Motortreff.de ist zum Beispiel so eine Idee. Wir haben auf unseren Forenservern unheimlich viele Autoforen und abends beim Einschlafen habe ich darüber nachgedacht, wie wir diese Autofreunde zusammenführen können. Klar, daß man bei solchen Gedanken kein Auge zu bekommt. Also bin ich wieder aufgestanden und habe die ersten Konzepte entwickelt und Layoutentwürfe gemacht. Nach diesem "virtuellen Richtfest" konnte ich mich wieder meinen Träumen widmen. Allerdings war es dann schon hell ;-) So etwas wäre im Agenturgeschäft undenkbar gewesen. Da gab es konkrete Zeitpläne, die wenig Spielraum für solche Kreativitätsausbrüche ließen.



"Das Agenturgeschäft macht spontane Ideen und Kretivität kaputt!"


Sie beschreiben eine vergleichsweise recht unorthodoxe Vorgehensweise. Können Sie einen auf diese Weise entstandenen Liebling nennen? Worum geht es dabei?

Tradingtalk.de ist auf vergleichsweise unorthodoxe Weise entstanden. Ich war aktives Mitglied in einer damals sehr populären Börsencommunity (Bullstocks.de). Irgendwann ließ die Qualität dort so stark nach, daß ich beschloß ein eigenes Projekt zu starten. Das ist gewissermaßen noch heute mein "Lieblingskind". Zwar ist das Interesse für Börsenthemen zur Zeit eher gedämpft und die Reichweite des Projektes eher bescheiden, aber es war unser erstes Eigenprojekt. Damit sind viele schöne Erinnerungen verbunden und das gute Gefühl, aus Anfangsfehlern gelernt zu haben, verbunden.

Damit bereiten Sie unsere fast schon klassische Frage vor: Welche 3 Tipps würden Sie einem Anfänger mit auf den Weg geben, der gerade die Idee für ein erstes Projekt entwickelt hat?

1. Investiere viel Zeit in die Ausarbeitung Deiner Idee und hinterfrage sie immer wieder
Viele Anfänger bauen Ihr erstes Projekt in wenigen Tagen. Dabei ist es wahnsinnig wichtig, ein Konzept zu haben. Ich muß vorher wissen, was ich mit dem Projekt erreichen will und wohin es sich entwickeln kann und auch welche Schwierigkeiten dabei auftauchen können. Nur so bin ich in der Lage, den nötigen Atem aufzubringen, das Projekt bis zum Erfolg zu führen.

2. Versuche eine Marke aufzubauen
Man hat es um einiges leichter, wenn man es schafft, seine URL in den Köpfen der User zu verankern. Die Zeit, die man in die Kombination Logo+Name+URL investiert, ist mit Sicherheit sehr gut angelegt.

3. Gib nicht auf
Mit wenigen Ausnahmen brauchen Projekte Zeit, sich zu Blockbustern zu entwickeln. Die meisten Webmaster geben viel zu früh auf. Wer kontinuierlich an seinen Projekten arbeitet, wird auf Dauer auch Erfolg haben.

Mit welcher Zeitspanne muss man denn Ihrer Erfahrung nach rechnen, um ein neues Projekt zu entwickeln und (profitabel) zu etablieren?

Das kann man pauschal kaum beantworten. Es gibt sicher Projekte, die so spektakulär sind, daß sie innerhalb von zwei Wochen quasi Jeder kennt. Wenn man aber vom durchschnittlichen Onlinemagazin ausgeht, das ohne großes Startbudget auskommen muß, kann es schon ein bis zwei Jahre dauern bis man es in der Netzgemeinde etabliert hat.

Mit der Profitabilität ist es ähnlich. Wenn man darunter "100 EUR Werbeeinahmen - 50 EUR Serverkosten = profibal" vesteht, funktioniert das sicherlich innerhalb weniger Wochen. Wenn man echte Kostendeckung und Gewinn anstrebt, würde ich mindestens 12 Monaten veranschlagen.

Hand aufs Herz - lässt es sich als Internetseitenbetreiber während dieser herbeigeredeten Krisenzeit gut leben?

Wir können es und einige andere Seitenbetreiber, mit denen wir partnerschaftlich zusammenarbeiten, können es auch. Probleme haben insbesondere die Portale bekommen, deren Geschäftsmodell darauf basiert, personalintensiven Content vollständig über Werbung zu finanzieren.

Und wie finanzieren sich die Seiten ganz oder vermehrt ohne Werbeeinblendungen - welche Alternativen zeigen sich?

Um nicht mißverstanden zu werden - unsere Seiten finanzieren sich zu großen Teilen durch Werbung. Wir beschäftigen zum Betrieb der Projekte nur keine Armada von Redakteuren. Inzwischen haben ja auch die großen Portale reagiert und ihre Redaktionen verschlankt.

Die Alternativen zur Werbefinanzierung sind stark vom Thema abhängig. Beispielsweise wird ein Portal wie Internetboom, das sich primär an Seitenbetreiber und Technikinteressierte richtet, versuchen, genau die Bedürfnisse dieser Zielgruppe zu decken. Geplant ist der Verkauf von Templates, Grafikmaterial, Designdienstleistungen und E-Books.

Das bedeutet, dass Sie derzeit keine Erfahrungen zu der angeblich steigenden Bereitschaft der Surfer für Webinhalte zu zahlen, gesammelt haben - dennoch fragen wir Sie nach Ihrer Meinung: Werden wir das Bezahl-Web erleben? Wird es funktionieren und werden sich kostenfreie Lösungen daneben etablieren und weiter betreiben lassen?

lacht  Wir sind mit unseren Internetprojekten vor zwei Jahren gerade gegen diese Trend zu bezahlten Informationen angetreten. Bis heute sind wir dieser Philosophie treu geblieben. Nehmen Sie beispielweise die Diskussionsforen, die wir Webmastern kostenlos zu Verfügung stellen. Bei anderen Diensten dieser Art gibt es "Premiumboards" gegen eine Gebühr. Wir haben uns trotz Anfragen von vielen Webmastern dagegen entschieden, um eine Zweiklassen-Gesellschaft zu vermeiden. Bei uns ist jeder Nutzer ein "Premiumuser" - auch ohne Bezahlung. Wenn sich die Nutzer bei uns wohl fühlen, kommt das unseren Werbekunden und letztendlich auch uns zugute.

Generell gebe ich dem Bezahl-Web wenig Chancen. Es wird Nischenangebote geben, wo der Besucher einen echten geldwerten Vorteil erhält und für die er dann auch bereit ist, zu zahlen. Für die Masse der derzeitigen Angebote trifft das aus meiner Sicht allerdings nicht zu. Wer meint ein 0815-Angebot plötzlich zum Bezahldienst wandeln zu können, wird dieses Experiment nicht überleben.



"Das Bezahl-Web hat wenig Chancen - es wird höchstens wenige Nischenangebote geben!"


Herr Fiebiger, ich möchte mich bei Ihnen für das ausgesprochen informative Gespräch bedanken. Zuletzt - nach welchem Lebensmotto leben und arbeiten Sie?

Jeder Schritt nach vorn - und sei er auch noch so klein - ist ein guter Schritt. Und natürlich der Klassiker: Umfallen ist keine Schade, liegen bleiben schon.

Das Interview wurde von Sebastian Fiebiger und Sascha Keuler im Juni 2003 geführt.



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